Ergebnisse

Erste Erkenntnisse aus Fem4Dem lassen sich stichpunktartig zusammenfassen:

Selbstwirksamkeitserfahrung

Initiativen, die von Migrantinnen selbst ins Leben gerufen und betreut werden, stehen in besonderem Maße für das Anliegen der Repräsentanz. Über die hier erzielte Selbstwirksamkeitserfahrung steigert sich das Aktivierungspotenzial solcher Initiativen, was sich wiederum positiv auf andere Projekte in räumlicher Nähe auswirkt und somit zur kommunalen und regionalen Vernetzung beiträgt. Die von Fem4Dem kontaktierten Fraueninitiativen legen dabei Wert darauf, dass das Geld für ein Projekt direkt in ihre Hände geht, damit sie die Begehrlichkeiten der Männer in ihrer Community auf Abstand halten können. Andererseits geben sie das Anliegen zu Protokoll, eben diese Männer von ihrer Arbeit überzeugen und sie letztlich als Solidarpartner gewinnen zu können. Als besonderes Desiderat erweist sich dabei die Befähigung, die Förderlandschaft zu erkunden, Förderformate und -kriterien zu verstehen, Anträge zu stellen und mit den üblichen Begleitphänomenen wie etwa Konkurrenz umzugehen.

Belastungsgrenzen

Die von Fem4Dem begleiteten Frauen stellen in Frage, inwieweit das ehrenamtliche Engagement für die dauerhafte Aufbauarbeit tragfähig ist. Sie vertreten feministische Positionen und fühlen sich zu demokratischem Engagement verpflichtet, werden aber durch Mehrfachbelastungen zwischen Familie, Nach- und Neuqualifikation und ehrenamtlichem Engagement ausgebremst. Ein professionelles, psychosozial ausgerichtetes Coaching und Coping fehlt auch, weil es kaum geeignete und bezahlbare Anbieter gibt. Aus diesem Grund wünschen sich viele der Kontaktierten eine schnellere Progression hin auf Eigenständigkeit (verstetigter Aufenthaltsstatus, ein professionelles Beschäftigungsverhältnis, eine gesicherte Wohnsituation mit Betreuung der Kinder). Ehrenamtliches Engagement setzt voraus, dass die persönlichen Probleme gelöst und die Lebenslagen stabilisiert sind. Die Betroffenen erteilen wohlmeinenden Förderungen, die ihren unsicheren Status nicht stabilisieren, sondern eher noch verstetigen, eine klare Absage. Sie möchten verhindern, nachhaltig migrantisiert zu werden.

Wohnung, Bildungsabschluss,
Arbeitsplatz, Gesundheit

Insbesondere mit Blick auf die jüngeren Fluchtbewegungen spielen (aus)bildungsbezogene Angebote eine besondere Rolle für die Selbstermächtigung von Mädchen und Frauen. Es geht um Angebote, die ihre Zugänge zu Bildung, insbesondere Bildungsabschlüssen und weitere für eine Arbeitsaufnahme relevante Schritte stärken und sie hier konkret, das heißt fallbezogen unterstützen. Bildungsabschlüsse und Berufstätigkeit sind deshalb zu zentralen Fokalpunkten des Projektanliegens geworden.

In besonderem Bezug dazu, aber auch zu den sich verstetigenden Aufenthaltstiteln von Geflüchteten, tritt die Frage nach einer geeigneten Wohnung in einem ansprechenden sozialen Umfeld auf den Plan – und damit verbunden die Frage der individuellen Mobilität und der kommunalen Verkehrsinfrastruktur. Etliche gute Ideen scheitern an solchen Strukturfragen und den impliziten xenophob motivierten Ausgrenzungsstrategien in den Sektoren Verwaltung und Bildung. Die Verschränkung aus dem Wunsch nach beruflicher Perspektive, wirtschaftlicher Unabhängigkeit, sozialer und politischer Teilhabe und der zunehmenden migrantischen, kulturellen und religiösen Fremdheitsmarkierung führt zu einem inneren Dispositiv, das im Sinne von managing body, mind and space ein physisches und psychisches Belastungsszenario beschreibt. Über Fem4Dem werden stärker als anfangs erwartet also auch arbeits- und gesundheitspolitische Aspekte in ihrem intersektionalen Zusammenhang angesteuert.

Männer

Die Dimension »Männer« bedarf einer integrierenden Betrachtung im Design eines Projekts wie Fem4Dem – einmal mit Blick auf die sich weiter etablierende Männer- und Jungenarbeit, und dann mit Blick auf ihre Verhältnisbestimmung zu den Frauen- und Mädchenprojekten. Dieses Thema spielt bei Trägern von Jungenarbeit, mit denen Fem4Dem bereits zusammenarbeitet, auch hinsichtlich der Unterschiede zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland eine Rolle. In Ostdeutschland werden Initiativen durchaus mehr von Männern gegründet. Hier regiert die Erkenntnis, dass zivilgesellschaftliches Engagement eng mit dem hohen und aktiven Anteil weiblicher Akteure verbunden ist und mancherorts einbricht, wo die Abwanderung von Frauen besonders hoch ist. In Westdeutschland spielt die Frage der dysfunktionalen Machtverteilung eine Rolle. Hier sitzen oft Männer an der Spitze, die sich durch das Label »feministisch« und »gendersensibel« Geldflüsse erhoffen, die sie dann für andere Dinge abschöpfen. Beide Befunde sind unabhängig von der Herkunft oder der Zuwanderungsgeschichte der Kontaktpartner*innen.

Rassismuserfahrung
und Desintegration

Rassismus ist ein Kontroversbegriff und taucht als solcher auch in den Daten von Fem4Dem auf. Bei den hier in Rede stehenden Zielgruppen besteht Schulungsbedarf, wie mit Differenzen im Habitus zwischen bürgerschaftlicher Nahbarkeit und hierarchisierender Staatlichkeit umzugehen ist. Dabei stehen vor allem die absichtliche Verklausulierung von Zugängen zur Partizipation und die bewusste Verundeutlichung von Rechtsvorschriften, Konventionen und Konsensregeln durch Vertreter*innen der dritten ausführenden Gewalt gegenüber als fremd, migrantisch oder anderweitig als im Status niedriger (vor allem ökonomisch) veranschlagten Frauen im Fokus. Hier geht es auch um Formen der Ansprache, hinter denen das Anliegen erkennbar ist, dass sie auf dauerhafte Nicht-Partizipation und Ausgrenzung hin angelegt sind. Manches erinnert an die strukturelle Zurücksetzung von Gastarbeiter*innen ab den 1960er Jahren, deren Sichtbarkeit und Partizipation gar nicht oder nur widerwillig avisiert wurde. Das mit den Effekten verbundene Merkmalsfeld lässt sich unter Zuhilfenahme von Kontroversbegriffen wie »Integrationsparadoxon« und »Desintegration« verhandeln. Damit ist eine Tendenz angesprochen, die sich über kritische Distanz zu etablierten Partizipationspartnern, die Suche nach alternativen sozialen Netzwerken, das Ringen um größtmögliche Autonomie und die Emanzipation aus Abhängigkeitsverhältnissen fassen lässt. Von daher lässt sich die Zurückhaltung von Initiativen erklären, lieber keinen Anschluss an Regelsysteme zu suchen, sondern ihr Anliegen selber in die Hand zu nehmen. In diesen Reaktanzeffekten zeigen die Erfahrungen aus Ostdeutschland eine höhere Signifikanz. Ein weiterer Effekt der rassistischen Markierung findet sich in der strategischen Überlegung des Understatements wieder: Einige Initiativen vermeiden Publizität und Sichtbarkeit, um defizitorientierte Wahrnehmungen und destruktive Diskurse abzuwenden. Darin gründet auch die Zurückhaltung gegenüber der akademischen Wissenschaft. Ein weiterer Punkt ist das strategische Vorgehen der Initiativen angesichts einer negativen Erwartungslogik im Hinblick auf etablierte Regelsysteme.

Religionsbezogene
Ambivalenzen

Auch der Aspekt, dass Religion hinsichtlich unseres Grundgesetzes als positiver Ordnungsfaktor, als Teil des sozialen Kapitals gesehen wird, spielt in das Projekt hinein. Das betrifft auch die Spannung von Religion als Gegen-Narrativ zur Macht und zum Establishment, und von Religion im affirmativen, Sittlichkeit stiftenden und damit staatstragenden Sinn. Was den Islam angeht, scheint sowohl in muslimischen Selbstverortungen als auch in Zuschreibungen von außen das Motiv des Gegenhorizonts zu Demokratie und Freiheitlichkeit übermächtig zu sein. Etliche der muslimischen Interviewpartnerinnen geben zu Protokoll, dass sie ihre religiöse Identität leben möchten, jedoch nicht wissen wie. Fem4Dem reflektiert mit ihnen deshalb auch die Frage, wie hier kommunizierend, ausgleichend und normalitätsstiftend agiert werden kann. Der Blick auf islamische Religionsgemeinschaften bildet eine definierte Kontrastfolie für Fem4Dem. In sozial engagierten Moscheegemeinden in dachverbandlicher Trägerschaft finden sich Stimmen, die sich kritisch zu Haltungen, Äußerungen oder politischen Verortungen ihrer Träger positionieren. Zudem nehmen Initiativen von Frauen zu, die sich aus solchen Moscheen heraus entwickelt haben und nun auf Distanz zu ihnen gehen, um ihr Projekt in Ruhe durchführen zu können. Das bedeutet nicht, dass sie vom Grundsatz her auf Abstand zu Moscheen an sich oder gar zum Islam gehen, sondern dass sie das aus pragmatischen Erwägungen oder aus dem Anliegen der Eigenständigkeit heraus tun. Hier tritt eine spezifische Unschärfe zutage, die generell im Forschungsfeld zu wenig gesehen wird: Formal säkular verortete Akteur*innen können ihr Engagement aus einer dezidiert religiös artikulierten Ethik oder spirituellen Selbstverortung heraus begründen – und eindeutig religiös verortbare Akteur*innen können sich genau andersherum, nämlich aus einer dezidiert säkularen Begründungslogik heraus, engagieren.

Hinzu tritt die Ambivalenz zwischen möglicherweise muslimischer Identität und der Antizipation negativer öffentlicher Wahrnehmung und islamfeindlicher Reflexe. Aus diesem Grunde finden sich Initiativen, die ein sehr starkes Bedürfnis haben, religiöse Motive abzuschwächen. Andere wiederum gehen offen mit ihrer muslimischen Identität ins Feld und bedienen ausdrücklich religiöse Motive, um etwa zu begründen, warum sie auf Distanz zu einer Moschee gehen, in der sie sich nicht mehr wohl und auch nicht willkommen fühlen. Ihr besonderer Wert für Fem4Dem liegt in den beobachtbaren Prozessen gesellschaftlicher, religiöser und genderbezogener Dynamisierungen des sozialen Feldes. Insbesondere in letztgenanntem Fall sind die Begehrlichkeiten von Männern des sozialen Nahfeldes, Zugriff auf solche Initiativen zu erlangen, besonders ausgeprägt.

Demokratie als Haltung

Fem4Dem zielt in besonderem Maße auf das Demokratieverständnis und auf zivilgesellschaftliche Einstellungen und Haltungen ab. Die Dimensionen „Demokratiebildung“ und „Aufklärung“ spielen über unterschiedliche Kanäle in das Projekt hinein. Für die momentanen Zielgruppen von Fem4Dem geht es um Wissenszuwachs darin, wie Deutschland als gesellschaftliches und administratives System funktioniert. Einige Mädchen-Initiativen, die sich selbst dezidiert als muslimisch bezeichnen, artikulieren sich in ihren Zielsetzungen und ihren identitätsstiftenden Verortungen demokratie-theoretisch. Sie heben mit ihrer Arbeit darauf ab, bei ihren Zielgruppen demokratische Haltungen anzubahnen, etwa die Bereitschaft zu politischer Partizipation. Vor allem jüngere und in Deutschland geborene und herkunftsdiverse Frauen, die sich mit und für geflüchtete Frauen stark machen, deuten auf die mangelhafte bis fehlende Demokratiebildung und -erziehung an den öffentlichen Schulen. Sie beziehen sich dabei nicht nur prioritär auf ihre persönlichen Diskriminierungserfahrungen, sondern reflektieren das auf einem höheren Niveau: Sie monieren insgesamt desillusionierte und demokratisch wenig engagierte Lehrer*innen. Damit weisen sie auf ein Problem hin, das hinsichtlich der Lehramtsausbildung besteht, nämlich der eklatante Mangel an Modulinhalten, die auf demokratische Haltungen und staatsbürgerliche Gesinnung zielen. Der gesamte Sektor der Erziehungswissenschaft geht von einem technokratisierten Menschenbild und einer für Differenzerfahrung wenig tauglichen Anthropologie aus. Das hat unmittelbare Bezüge zu dem, was Fem4Dem ansteuert, nämlich die Veränderung von Bewusstsein auf der Ebene der sozialen Akteur*innen. Demokratie-affine Ausrichtungen äußern sich in der Regel über die jeweilige Projektidee einer Initiative und nicht unbedingt über das Profil der Initiative selbst. Das liegt an der Geschwindigkeit, mit der gesellschaftliche Dynamiken die Institutionen überholen. Der Effekt verstärkt sich für größere und etablierte Träger.

Präventionsarbeit

Viele Initiativen sind sich häufig nicht dessen bewusst, dass sie bereits Demokratie- und Präventionsarbeit im Sinne des Nationalen Präventionsprogramms leisten. Erst durch die Interviews, die Anträge auf Förderung eines Initiativprojekts und die Einbindung in den Prozess der Projektentwicklung wird ihnen das klar, dass das vorrangig über das zivilgesellschaftliche Engagement funktioniert. Eine weitere aufschlussreiche Erkenntnis ist, dass es trotz kritischer Haltungen keine grundsätzliche Ablehnung gegenüber Präventionsprogrammen von Seiten staatlicher Anbieter gibt. Allerdings lässt sich hier eine vorsichtige Distanz feststellen: Die Initiativen halten ihre eigene Arbeit mitunter für effektiver als andere Programme, da sie aus ihrer kontinuierlichen Praxiserfahrung schöpfen und sehr schnell auf Veränderungen in der Diskurs- und Bedarfssituation eingehen können. Demgegenüber gilt der Zugang zu gängigen Präventionsprogrammen vielen aufgrund der diffizilen Voraussetzungen für die Antragstellungen als große Herausforderung. Hier haben sich die begleitenden Maßnahmen in Fem4Dem besonders bewährt: Jede einzelne Wissenschaftler*in betreute eine überschaubare Anzahl an Initiativen und Projekten. Die Beratung bei der Beantragung der Förderung eines Initiativprojekts nimmt dabei einen großen Raum ein. Oftmals sind die adressierten Akteur*innen in mehreren Berufsfeldern tätig und leisteten zusätzliche ehrenamtliche Arbeit, so dass ihre eigenen, zeitlichen Kapazitäten eingeschränkt sind. Darüber hinaus ist das Verwaltungsdeutsch nicht für alle auf Anhieb vertraut. Das betrifft sowohl Deutsch-Muttersprachlerinnen als auch Akteur*innen, die Deutsch als Zweit- oder Drittsprache erworben haben.

Kontakt

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Goethe Universität
Frankfurt am Main
Fachbereich 04 Erziehungswissenschaft
Prof. Dr. Harry Harun Behr
Dr. Meltem Kulaçatan
Dipl. Pädagogin Jette van der Velden

Sekretariat Fem4Dem
Frau Catrina Dunsing
dunsing@em.uni-frankfurt.de

Universität Osnabrück
Dr. Michael Kiefer
michael.kiefer@uni-osnabrueck.de